Zurück ans Whiteboard: Was digitale Kreativ-Meetings nie ersetzen können

Woran digitale Kreativ-Meetings scheitern und warum Sie mit „sowohl als auch“ besser fahren als mit „entweder oder“.

Raus aus dem Homeoffice und rein ins Vergnügen – unsere Erfahrungen mit „wieder mehr“ Agenturzeit

Erinnern Sie sich an 2020? Als sich nach dem ersten Schreck die kollektive Erleichterung breitmachte, dass alle Meetings in einen Laptop passen? Und ganz nebenbei auch noch der Pendelstress wegfiel und man Brainstormings bequem in Jogginghose absolvieren konnte? Die Homeoffice-Euphorie war groß und verständlich. Und so wurde Homeoffice schnell zum neuen Standard, auf den keiner mehr verzichten wollte. Aber wie das so ist mit Euphorie: Sie trägt einen nur eine Weile. Dann schaut man nüchterner hin. Das haben wir zumindest getan und würden Sie gerne an unseren Überlegungen und Erkenntnissen teilhaben lassen.

Was wir nämlich schon immer beobachtet haben: Insbesondere das kreative Zusammenarbeiten bekommt gemeinsam vor Ort einen Kick! Klar, nicht immer, nicht in jedem Kontext – aber doch deutlich spürbar. Gerade in einer Branche wie der Healthcare-Kommunikation, wo Ideen nicht nur gut aussehen, sondern auch sitzen, überzeugen und manchmal buchstäblich Leben verändern müssen. Hier ist es halt doch kein Detail, sondern eine strategische Frage.

Der Bildschirm als Kreativitätsbremse

Was passiert eigentlich in einem guten Kreativ-Meeting? Zumindest bei uns sieht das in etwa so aus: Menschen reden durcheinander. Jemand springt auf, greift einen Marker, zeichnet etwas Halbfertiges an ein Board oder auf einen Zettel – während alle anderen parallel noch diskutieren. Eine andere Person sieht dies im Augenwinkel, ergänzt spontan, lacht, widerspricht. Drei Gedanken prallen aufeinander und aus dem Aufprall entsteht ein vierter – und das ist nicht selten der eigentlich gute. Der, auf den alle hingefiebert haben.

Dieses Prinzip funktioniert digital erstaunlich schlecht. Denn Videokonferenzen erzwingen, was Kreativität hasst: Ordnung. Serielles Denken. Zumindest seriellen Austausch. Einer spricht, die anderen warten. „Geduldig“. Wer etwas sagen will, hebt virtuell die Hand. Weil wir alle sehr schnell gelernt haben, was die Technik kann und was nicht. Gleichzeitiges Reden kann sie nicht. Wer das nicht gelernt hat, darf Chaos erleben. Diese anarchistische Gemengelage, wenn der Ton versagt, weil zu viele Leute gleichzeitig ihre Gedanken aussprechen. So wird der freie Gedankenfluss, der im echten Raum selbstverständlich ist, digital zum Engpass. Die Dynamik geht fast vollständig verloren.

Hinzu kommt: Der Bildschirm filtert Körpersprache. Man sieht ein Gesicht in einem Rechteck, aber man spürt nicht, ob jemand eigentlich begeistert ist oder nur höflich nickt. Ironie verpufft. Energie überträgt sich kaum. Und kann auch nicht rausgelassen werden aus den Körpern. Was fatal ist, denn Bewegung hilft erwiesenermaßen beim Denken: Im Meetingraum erlauben wir uns, kurz aufzustehen und um den Tisch zu gehen. In der Videokonferenz undenkbar. Wir versagen uns im digitalen Setting sogar, den Blick im Raum schweifen zu lassen – was ebenfalls nachweislich Kreativität fördert. Und das Wichtigste fehlt komplett: der Korridor-Moment, die Tasse Kaffee danach, das beiläufige „Weißt du, was mir gerade noch was eingefallen ist?"

Wenn Kreativität vereinsamt

Es gibt noch eine Homeoffice-Dimension, die in Business-Kontexten selten offen angesprochen wird: Viele Menschen brauchen Menschen. Nicht (nur) als sentimentalen Luxus, sondern als professionelle Notwendigkeit, als Feedbackgeber des eigenen Denkens.

Kreativität ist kein Solomodus. Sie entsteht in sozialer Interaktion – durch Reaktionen, durch Energie, durch das Gefühl, dass die eigene Idee im Raum landet und jemanden bewegt. In Schwingung versetzt. Resonanz erzeugt. Wer dauerhaft allein am Schreibtisch sitzt und in Kacheln denkt, verliert nicht nur den Kontakt zu Kollegen und Kolleginnen. Er verliert auch den Zugang zu einem Teil seiner eigenen kreativen Kapazität.

Denn wenn Menschen zusammenkommen – insbesondere kreative – dann knistert es oft ganz von allein. Auch ohne angesetzte Meetings können dann Dinge entstehen. Ungeplant. Aber dennoch im Prozess, weil mal kurz zu zweit oder zu dritt über einen Gedanken gesprochen wird, der einen bewegt. Und aus diesem ersten, kurzen, spontanen und ungeplanten Austausch entsteht manchmal eine Kreativ-Welle, die sich durch das gesamte Unternehmen zieht. Mission accomplished.

Das Treffen mit Menschen macht etwas mit Menschen. Auf individueller Ebene und auch im kreativen Miteinander. Und beides ist in unserer Branche extrem wichtig.

Was digital gut funktioniert – und wo die Grenzen sind

Fairerweise: Nicht jede kreative Aufgabe braucht physische Präsenz! Digitale Tools haben echte Stärken, und wer sie ignoriert, verschenkt Potenzial. Unter Umständen sogar viel davon.

Was gut funktioniert: Strukturiertes Brainstorming mit Tools, bei dem alle gleichzeitig Ideen auf ein digitales Whiteboard werfen. Dies kann sogar inklusiver sein als das klassische Meeting, weil Introvertierte niemanden übertönen müssen, um sichtbar zu sein. Was auch funktioniert: Asynchrones Feedback über Kommentarfunktionen. Das gibt Denkzeit und macht eine freie Zeiteinteilung möglich – zwei der Gründe, die unsere asynchronen Advisory Boards so erfolgreich machen. Und für Statusupdates, Abstimmungen und die Weitergabe von Informationen ist das Digitalformat schlicht effizienter.

Wo die Grenzen liegen: Sobald echter kreativer Reibungsbedarf gefragt ist – wenn ein Konzept noch roh ist, wenn Grundsatzdiskussionen anstehen – stößt das digitale Format an seine Grenzen. Und natürlich auch, wenn Spontanität gefragt ist. Kreativität braucht Vertrauen und Resonanz, und beides braucht Gesichter. Echte Gesichter. Keine Thumbnails.

Eine Faustregel, die sich für uns in der Praxis bewährt: Divergenz bittet um Präsenz, Konvergenz verträgt Digital. Das freie Spinnen, das Aufmachen des Lösungsraums – das geht deutlich, deutlich besser im gemeinsamen, physischen Raum. Clustern, Bewerten und Finalisieren lässt sich anschließend gut remote weitertreiben. Das gilt für interne Meetings ebenso wie für Advisory Boards oder Veranstaltungen.

Was das für uns und vielleicht auch für Sie bedeutet

Die Konsequenz aus alledem ist keine Absage an das Homeoffice, digitale Tools oder virtuelle Veranstaltungen! Sie haben die Euphorie verdient, die wir empfinden. Und auch bei uns möchte niemand mehr auf die Möglichkeit Homeoffice verzichten. Die Konsequenz ist stattdessen eine Einladung zur Unterscheidung.

Unsere Empfehlung: Holen Sie die Menschen für die wirklich wichtigen Momente zusammen. Für die Kick-offs, bei denen eine Kampagne ihr Fundament bekommt. Für die Workshops, in denen Zielgruppen wirklich verstanden werden sollen – nicht nur segmentiert. Für die Momente, in denen aus vielen klugen Einzelmeinungen ein gemeinsamer kreativer Impuls werden soll.

Nutzen Sie digitale Formate für das, was sie wirklich können: schnelle Abstimmung, asynchrones Feedback, strukturiertes Weiterarbeiten an bereits definierten Ideen.

Der beste Rahmen für kreative Gesundheits-Kommunikation ist kein Entweder-oder. Es ist ein klug konstruiertes Sowohl-als-auch! Aber das „Sowohl“ – der echte, persönliche, physische Kontakt – verdient gerade eine Renaissance. Am besten mit Marker und Whiteboard.

Über die Jogginghose kann man dann vielleicht noch mal reden. Deren Renaissance ist schon länger zugange und so rutscht sie schon seit einigen Jahren sogar in die Business-Outfits. Wussten Sie nicht? Dann suchen Sie im Netz mal nach „Business Jogger“. Gern geschehen! Und wenn Sie mehr über unsere Kreativtechniken und wie Sie diese für sich nutzen können erfahren möchten, dann melden Sie sich gerne bei uns!

Quellen

  • Oppezzo, M. & Schwartz, D. L. (2014): Give Your Ideas Some Legs: The Positive Effect of Walking on Creative Thinking. Journal of Experimental Psychology: Learning, Memory, and Cognition. doi: 10.1037/a0036577
  • Brucks, M. S. & Levav, J. (2022): Virtual communication curbs creative idea generation. Nature, Vol. 605, S. 108–112. doi: 10.1038/s41586-022-04643-y. Veröffentlicht: 27. April 2022.




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