Delphi: Das Orakel, das heute wirklich recht hat

Delphi-Methode in der Pharmaindustrie: Wie strukturierter Expertenkonsens belastbare Evidenz erzeugt – und wann Live-Events den Unterschied machen.

Wie aus Expertenmeinungen belastbare Evidenz wird – und warum das für die Pharmaindustrie mehr als eine akademische Übung ist

Das Orakel von Delphi war eine etwas unbequeme Anlaufstelle. Man reiste tagelang, bezahlte fürstlich und durfte dann eventuell die Pythia befragen. Als Lohn für die Mühen hatte man dann jedoch eine Antwort, die sich im Nachhinein fast immer als korrekt herausstellte.

Ja, gut. Erwischt. Eine Antwort, die sich im Nachhinein fast immer als korrekt herausstellte, solange man sie richtig interpretierte.

Dieses antike und etwas unzuverlässige Consulting-Modell hat sich in der modernen Wissenschaft zu einem methodisch sauberen Werkzeug entwickelt und die möchten wir Ihnen in diesem Artikel gerne näher vorstellen: der Delphi-Methode. Sie hat mit dem mystischen Orakel eines gemeinsam: Am Ende steht eine Aussage. Nur dass sie diesmal nicht auf Interpretation angewiesen ist – sondern auf Konsens fußt.

Was ist Delphi eigentlich – und was macht die Methode so interessant?

Die Delphi-Methode ist ein strukturiertes Verfahren zur Konsensbildung unter Expert:innen. Entwickelt wurde die Methode in den 1960er-Jahren von der RAND Corporation (ein Think Tank aus den USA, ursprünglich für militärische Zukunftsprognosen). Seitdem hat sich der methodische Ansatz (auch) in der Medizin, der Gesundheitsversorgung und der Pharmaforschung als valides Instrument etabliert.

Das Prinzip ist elegant: Eine Gruppe von Expert:innen wird in mehreren Runden anonym zu einem Thema befragt. Die Antworten werden aggregiert, zurückgespielt und diskutiert. Am Ende kristallisiert sich heraus, wo echte Übereinstimmung besteht und wo die Meinungen auseinandergehen. Kein Alphatier, das den Raum dominiert. Keine Hierarchie, die das Ergebnis verzerrt. Nur strukturierter, iterativer Austausch.

Das Resultat? Konsens. So belastbar, dass man Delphi auch als Methode zur Datengenerierung verstehen kann, weshalb sie manchmal auch Delphi-Studie genannt wird.

Vom Orakel zur Wissenschaft: Delphi als Publikationsmotor

In der Pharmaindustrie begegnet uns Delphi vor allem dort, wo klassische randomisierte und kontrollierte Studien an ihre Grenzen stoßen – sei es aus ethischen, praktischen oder zeitlichen Gründen. Genau hier liegt eine der Stärken der Delphi-Methode.

Ein sauber durchgeführtes Delphi-Verfahren bringt Ergebnisse, wo klinische Studien fehlen. Und zwar hochgradig publikationswürdig. Warum? Weil die Delphi-Methode systematisch, transparent und reproduzierbar ist. Die Auswahl der Expert:innen, die Formulierung der Items, die Schwellenwerte für Konsens, die Anzahl der Befragungsrunden – all das lässt sich dokumentieren und rechtfertigen. Das hält jedem Review-Prozess stand.

Nicht selten steht am Ende einer Konsensus-Konferenz eine klinische Leitlinie – oder zumindest deren unmittelbarer Vorläufer. Denn der Weg von konsentierten Empfehlungen zur Leitlinie ist, wenn das Fundament stimmt, erstaunlich kurz.

Delphi im Kontext Rare Diseases: Wenn man nicht warten kann

Vor allem im Bereich der seltenen Erkrankungen kann Delphi punkten. Hier fehlen oft die großen Patientenkohorten, die für klassische Evidenzgenerierung notwendig wären. Register sind im Aufbau, Langzeitstudien dauern – und Patient:innen, die jetzt behandelt werden müssen, haben schlicht nicht die Zeit zu warten, bis die Wissenschaft aufgeholt hat.

Genau hier entfaltet Delphi sein volles Potenzial: als Instrument zur Erstellung konkreter Handlungsempfehlungen. Expert:innen – Kliniker:innen, die die Erkrankung kennen, die Patient:innen gesehen, die Verläufe begleitet haben – bündeln ihr implizites Wissen in einem strukturierten Prozess. Das Ergebnis ist keine Meinung. Es ist das Destillat aus hunderten Stunden klinischer Realität. Aus dem, was eine ganze Gruppe weiß – und für tragfähig hält.

Für die Versorgung von Menschen mit seltenen Erkrankungen kann das den Unterschied machen. Nicht irgendwann. Jetzt.

Versorgungssicherheit als strategisches Argument

Delphi-basierte Empfehlungen können noch etwas anderes leisten, das in der Pharmaindustrie zunehmend an Bedeutung gewinnt: Sie können die Lücke zwischen der Theorie und unterschiedlichen Versorgungsrealitäten schließen. Das macht insbesondere neue Therapieoptionen nicht nur in der Breite praxisrelevant, sondern trägt auch zur Versorgungssicherheit bei.

Was meinen wir damit? Ganz einfach: Wenn Expert:innen aus verschiedenen Versorgungsrealitäten – Universitätskliniken, Schwerpunktzentren, niedergelassene Praxis – gemeinsam Empfehlungen erarbeiten, entsteht keine eindimensionale Stellungnahme. Es entsteht ein Dokument, das in der Breite angewendet werden kann. Die Lücke zwischen Leitlinie und Versorgungsalltag wird kleiner, weil eine heterogene Gruppe von Menschen aus der direkten Versorgung das Dokument mitgestaltet haben.

Für pharmazeutische Unternehmen, die mit der Markteinführung fundierte Einordnungen durch Expert:innen mitgeben möchten, ist das ein starkes Argument – für interne Strategiegespräche genauso wie für die externe Kommunikation.

Live-Event oder virtuell: Delphi trägt verschiedene Kleider

Delphi ist vor allem eines: ein Kommunikationsprozess. Und der ist gut adaptierbar, wenn man weiß, welche Stellschrauben man in welchem Kontext drehen muss.

Eine sorgfältig moderierte Konsensus-Konferenz als Live-Event – das ist der Ursprung. Mit durchdachtem Agenda-Design, neutraler Moderation, klaren Abstimmungsformaten und einem Abschluss-Board, das die Ergebnisse konsolidiert. Der Raum, die Energie, die direkte Interaktion zwischen Menschen, die normalerweise in ihren Spezialwelten unterwegs sind: Das erzeugt eine ganz eigene und besondere Qualität von Dialog.

Doch auch virtuell lässt Delphi sich gut durchführen – oder partiell aufgreifen. Individuelle, anonyme Abfragen, Nachdiskussionen und Nachschärfungen von Aussagen, lassen sich hervorragend virtuell durchführen.

Ob live oder virtuell: Was bei Delphi am Ende herauskommt, ist mehr als ein Protokoll. Es ist ein Dokument mit wissenschaftlichem Gewicht, kommunikativem Mehrwert – und dem Potenzial, die Versorgung zu verbessern.

Fazit: Das Delphi, das nicht rumorakelt

Die Antworten, die man im antiken Delphi zu erwarten gehabt haben würde, dürften wohl im Nachhinein gekonnt auf die kommenden Ereignisse zurechtinterpretiert gewesen worden sein (hier die korrekte Zeitform zu finden, ist eine kafkaeske Aufgabe und wir sind für Vorschläge offen). Delphi als Methodik hingegen hat das Potenzial, klare Antworten zu liefern. Vorausgesetzt, man stellt die Fragen richtig, hat die Expertinnen und Experten weise gewählt und sie gut durch den Prozess begleitet.

Wenn Sie in Ihrer Pipeline ein Thema haben, das nach evidenzbasierter Konsensbildung ruft – sei es ein Versorgungsthema bei seltenen Erkrankungen oder der Wunsch, das Wissen von Expert:innen in fundierte und zuverlässige Handlungsempfehlungen zu übersetzen –, dann ist Delphi Ihr Weg zum Ziel. Und die SDMED gerne die Partnerin, die Sie auf diesem Weg begleitet. Statt der Pythia. Sie wissen schon: damit Sie Ihre Antworten nicht nach Eintritt der Ereignisse zurechtorakeln müssen.

 

Adobe Stock © Anton Ivanov Photo





Zurück zur Übersicht
Zum ersten Inhaltsabschnitt