Womit Googles AI-Overviews Gesundheitsfragen beantworten – und was das für die Gesundheitskommunikation bedeutet
Kurz zusammengefasst
Googles AI Overviews beantworten inzwischen mehr als 82 Prozent aller Gesundheitssuchanfragen in Deutschland – und beziehen ihr Wissen zu zwei Dritteln aus Quellen ohne formale medizinische Qualitätssicherung. Meistzitierte Quelle: YouTube, noch vor ärztlich geprüften Fachportalen und staatlichen Gesundheitsinstitutionen. Für alle in der Gesundheitskommunikation – und besonders für die Pharmabranche – verändern sich damit die Spielregeln erneut: Sichtbarkeit entscheidet sich nicht mehr allein über Inhaltsqualität, sondern über algorithmische Reichweite.
Key Takeaways
- 82 % der Gesundheitssuchanfragen in Deutschland lösen ein AI Overview aus – häufiger als in jeder anderen Branche.
- YouTube ist die meistzitierte Quelle in Googles KI-Gesundheitsantworten – vor sämtlichen Fachportalen, Krankenversicherungen und Behörden.
- Nur 34 % der zitierten Quellen stammen aus medizinisch verlässlichen Kategorien. Akademische Zeitschriften und staatliche Gesundheitsbehörden zusammen: unter 1 %.
- Mehr als ein Viertel der URLs, die KI-Antworten verlinken, wäre in der klassischen Google-Suche für Nutzer:innen gar nicht sichtbar.
- 16 % der Deutschen haben bereits ärztliche Empfehlungen ignoriert, weil die KI anderer Meinung war.
- Qualifizierte medizinische Stimmen sind im digitalen Raum unterrepräsentiert – das Feld gehört denen, die laut genug sind. Förderung von Nachwuchstalenten mit Kommunikationskompetenz wird zur strategischen Investition.
Stellen Sie sich vor, Sie haben jahrelang in hochwertige, evidenzbasierte Gesundheitsinhalte investiert. Sorgfältig geprüfte Texte, regulatorisch konforme Aussagen, wissenschaftlich fundierte Fakten. Suchmaschinenoptimiert. Und dann kommt Googles KI und fragt stattdessen YouTube.
Genau das passiert gerade. Zu dem Ergebnis kam das SEO-Analyseunternehmen SE Ranking in zwei Studien (Mai und Dezember 2025). Die erste sagt: Wer in Deutschland eine Gesundheitsfrage googelt, erhält in mehr als 82 Prozent der Fälle eine fertige KI-Antwort – prominent platziert, noch vor der eigentlichen Linkliste, scheinbar allwissend. Googles sogenannte AI Overviews (deutsch: 'Übersicht mit KI') haben den Gesundheitsbereich schneller durchdrungen als jede andere Branche.
In der zweiten Studie hat SE Ranking untersucht, welche Quellen diesen KI-Antworten zugrunde liegen. Dazu wurden die Quellenverweise von über 50.000 gesundheitsbezogene Suchanfragen in Deutschland ausgewertet. Das Ergebnis ist ebenso aufschlussreich wie ernüchternd.
Nur 34 Prozent der AI-Overviews kommen aus verlässlichen Quellen
Von den fast 466.000 analysierten Quellenverweisen in AI-Overviews stammten lediglich 34 Prozent aus Quellen, die SE Ranking als medizinisch verlässlich einstuft – darunter medizinische Einrichtungen, Krankenkassen, Fachgesellschaften, zertifizierte Gesundheitsportale und staatliche Institutionen. Die restlichen zwei Drittel kommen von Seiten ohne formale Qualitätssicherung: kommerzielle Websites, nicht zertifizierte Portale, nutzergenerierte Inhalte.
Besonders pikant: Alle akademischen Zeitschriften und alle staatlichen Gesundheitsbehörden – also genau jene Institutionen, die klinische Leitlinien definieren und wissenschaftliche Standards setzen – kommen zusammen auf gerade einmal etwa ein Prozent der Zitierungen.
Ein Prozent. Das ist kein Tippfehler.
Die meistzitierte Quelle in Googles KI-Gesundheitsantworten ist: YouTube. Auch das ist kein Tippfehler.
YouTube vor allen Fachquellen
Mit 20.621 Nennungen und einem Anteil von 4,4 Prozent liegt die Videoplattform klar auf Platz eins des Quellen-Rankings – weit vor dem NDR (3,0 Prozent), den MSD-Manualen (2,1 Prozent) und Netdoktor.de (1,6 Prozent). Auf Platz fünf landet praktischarzt.de – primär eine Karriereplattform für Ärzt:innen, die lediglich ergänzend medizinische Blogbeiträge veröffentlicht. YouTube wird von der KI demnach mehr als doppelt so oft zitiert wie Netdoktor.de – Deutschlands größtem, ärztlich geprüften Gesundheitsportal.
Was das bedeutet, lässt sich nicht pauschal beantworten. Auf YouTube laufen sowohl Kanäle von Universitätskliniken und approbierten Ärzt:innen als auch Wellness-Coaches und kommerziell orientierte Creator ohne medizinischen Hintergrund. In der Studie wurden lediglich die 25 meistzitierten YouTube-Videos im Datensatz genauer untersucht. Davon stammten 24 aus medizinisch zuordenbaren Kanälen (darunter z.B. ARD GESUND mit Dr. Julia Fischer, DoktorWeigl, Deutsche Herzstiftung e.V., Ammerland-Klinik, UKSH Universitätsklinikum Schleswig-Holstein).
Also doch alles gar nicht so schlimm?
Nun könnte man also einwenden: Aber die Studie zeigt doch, dass die meistzitierten YouTube-Videos von Kliniken und Fachgesellschaften stammen – also von seriösen Quellen! Und sie hat außerdem gezeigt, dass sich auf Domain-Ebene auch die Top-10 der Quellen von AI Overviews mit den Top 10 der klassischen Suchergebnisse stark überschneiden: Neun der zehn meistzitierten Domains tauchen in beiden Listen auf. Das stimmt und klingt zunächst beruhigend, täuscht aber über wichtige Unterschiede hinweg.
- Von den 25 meistzitierten Videos stammen zwar 24 aus medizinischen Fachkanälen, sind aber die einzigen, die in der Studie ausgewertet wurden. Und machen weniger als ein Prozent aller 8.968 im Datensatz zitierten YouTube-Links aus. Was mit den anderen 99 Prozent los ist, beantwortet die Studie nicht. Insgesamt zeigt sie jedoch, dass KI strukturell nicht zwischen dem Erklärvideo einer Universitätsklinik und dem Wellness-Coach mit hunderttausend Abonnenten unterscheidet. Die KI orientiert sich an Reichweite, Verlinkungen und Domain-Autorität – nicht an Qualifikation.
- Betrachtet man beim Vergleich der Top 10-Listen nicht die Domains, sondern die konkreten URLs, gibt es doch einen deutlichen Unterschied zwischen den Listen: Nur 36 Prozent der von der KI verlinkten Seiten erscheinen auch in den organischen Top 10 derselben Suchanfrage, 74 Prozent innerhalb der Top 100. Bedeutet im Umkehrschluss: Mehr als ein Viertel der Inhalte, auf die KI-Antworten verweisen, wäre für Nutzer:innen bei der klassischen Suche schlicht nicht sichtbar.
Menschen vertrauen der KI – aber die fragt nicht nach dem Abschluss
Laut einer repräsentativen Bitkom-Umfrage vom November 2025 nutzen 45 Prozent der Deutschen KI-Chatbots für Gesundheitsfragen. 55 Prozent der Nutzer:innen vertrauen den Antworten, 30 Prozent werten sie als zweite ärztliche Meinung. Und 16 Prozent gaben an, ärztliche Empfehlungen ignoriert zu haben, weil die KI zu einem anderen Schluss kam.
Die Quellen, die KI heranzieht, sind also kein abstraktes Datenproblem. Das sind reale Entscheidungen über reale Gesundheit von realen Menschen – gespeist aus einem Quellenpool, in dem YouTube und ein Ärztekarriere-Portal mehr Gewicht haben als das IQWiG, die Charité oder das Deutsche Ärzteblatt zusammen.
Qualifizierte medizinische Stimmen sind im digitalen Raum per se unterrepräsentiert – nicht weil es sie nicht gibt, sondern weil sie dort schlicht zu selten aktiv sind. Die Informationshoheit erlangen die, die laut genug sind. Nicht die Kompetentesten. Das dürfte spätestens seit den Corona-Impf-„Diskussionen“ niemanden überraschen. Und genau hier beginnt das eigentliche Problem für alle in der Gesundheitskommunikation.
Was das für die Gesundheitskommunikation bedeutet
Wenn KI-Systeme nicht unbedingt auf die inhaltlich stärkste, sondern auf die algorithmisch sichtbarste Quelle zurückgreifen, verändern sich die Spielregeln gerade noch einmal fundamental. Klassische Kommunikationswege verlieren durch KI-Antworten zusätzlich an Reichweite. Wer nicht vorkommt, existiert für einen wachsenden Teil der Patient:innen schlicht nicht mehr. Und das Feld, das seriöse medizinische Akteure unbesetzt lassen, füllen andere – lautstark, reichweitenstark und mit teils zweifelhafter Qualifikation.
Das Medizinstudium vermittelt kaum Kompetenzen wie verständliches Kommunizieren vor der Kamera, die Aufbereitung komplexer Studiendaten für digitale Formate oder den strategischen Umgang mit Reichweite. Wer morgen sichtbar sein will, muss heute die entsprechenden Talente identifizieren und fördern. Strukturierte Programme – wie das Young-Lions-Konzept der SDMED – gehen genau diesen Weg: Junge Mediziner:innen werden nicht nur fachlich weitergebildet, sondern lernen, wissenschaftliche Erkenntnisse für unterschiedliche Zielgruppen und Formate aufzubereiten. Sie werden zu Stimmen.
Die gute Nachricht: Was auf einem Symposium oder Advisory Board überzeugt – persönliche Authentizität, fachliche Tiefe, klare Sprache – ist exakt das, was auch im digitalen Raum Vertrauen schafft. Die Fähigkeit, beides zu können, ist keine Selbstverständlichkeit. Aber sie ist erlernbar. Und sie wird wichtiger.
Fazit: Sichtbarkeit ist keine Frage des Contents allein
Die Studie von SE Ranking liefert eine unbequeme, aber wertvolle Diagnose: Im Zeitalter der KI-Antworten entscheidet nicht allein die Qualität eines Inhalts über seine Reichweite – entscheidend ist, ob algorithmische Systeme ihn als relevant einstufen. Das galt für Suchmaschinen und es gilt für KI – allerdings mit veränderten Spielregeln.
Das Investment in medizinische Nachwuchstalente, die ihre Expertise zielgruppengerecht und formatübergreifend kommunizieren können, wird damit zur strategischen Kommunikationsinvestition. Wer die richtigen Talente ausbildet und fördert, hat die Chance, präsent zu sein und gehört zu werden. Auf dem Kongress. Im Advisory Board. Auf YouTube. Und in der KI-Antwort von übermorgen.
Sie möchten wissen, wie ein strukturiertes Nachwuchsprogramm für Ihr Indikationsgebiet aussehen könnte – und wie Sie dabei gleichzeitig Ihre Sichtbarkeit in der modernen Gesundheitskommunikation stärken? Sprechen Sie uns an. Wir freuen uns auf den Austausch.
Quellen:
- SE Ranking: Google AI Overviews bei Gesundheitsfragen: YouTube wird häufiger zitiert als jedes medizinische Fachportal (Januar 2026)
https://seranking.com/de/blog/google-ai-overview-gesundheit-studie/ - SE Ranking: AI Overviews in Deutschland – Analyse von 100.000 Keywords (Mai 2025)
https://seranking.com/de/blog/ai-overviews-deutschland-studie/ - Bitkom: Dr. KI – Chatbot als medizinischer Ratgeber (November 2025)
https://www.bitkom.org/Presse/Presseinformation/Dr-KI-Chatbot-medizinischer-Ratgeber#_
Weiterführende Lektüre auf sdmed.de:
- Medical Influencer:innen: Ein neues Phänomen und seine Bedeutung für die Gesundheitskommunikation
- Talente erkennen und fördern – Young Lions by SDMED
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